Warum ein Jahresrückblick? Weil ich nicht mehr zum Schreiben komme, seit die Herzschwäche alle paar Wochen eine neue Komplikations-Sau durch das Unimurr-Dorf treibt. Jetzt habe ich das letzte halbe Jahr im Rückblick komprimiert. Ich bitte untertänigst um Verzeihung.
Das Jahr 2011 war für die Familie Murr ein turbolentes und ereignisreiches Jahr. Es begann mit dem Abenteuer "Heimfahrt von Kairo" mit dem treffsicheren Timing, genau am heißen Freitag des tunesischen Frühlings das Land zu durchqueren.
Es folgte der Herzinfarkt am 27. Februar. Dieses ärgerliche Ereignis wäre vermeidbar gewesen bei etwas besserer Vorsorge und gesünderem Lebenswandel. In der Rückschau ist man immer klüger.
Es ist wie es ist und ich kann das Rad der Zeit nicht zurück drehen.
Das Jahr 2011 hat auch noch andere Veränderungen gebracht. Meine älteste Tochter ist volljährig geworden und geht ihre eigenen Wege. Meine Frau hat ihre berufliche Qualifikation und eigenständige Persönlichkeit weiter entwickelt und ich habe ebenfalls ein paar heftige Lernprozesse hinter mich gebracht. Das führte erst mal zu starken Verwerfungen in die Familie, die daran beinahe zerbrochen wäre. Wir haben alle dazu gelernt und mit dem unbedingten Willen, die Familie zu erhalten, konnten wir diese Irritationen überwinden. Ich glaube, dass wir alle aus dieser schlimmen Zeit gestärkt hervor gegangen sind. Die Familie und die Ehe haben diese Lektionen gefestigt und der Prozess ist noch nicht zu Ende. Ich fange gerade an, meine Frau zu erkennen und zu lieben, wie sie wirklich ist. Eine Erfahrung, die erst mal mit dem Verabschieden meiner Projektionen in Sachen Frau anfängt. Es folgt das Hinschauen und Wahrnehmen, welcher Mensch da eigentlich um mich herum ist. Was es da zu entdecken gibt, gefällt mir besser, als meine alten Projektionen. Verlust und Neuland. Keine leichte Kost für ein sensibles, empfindsames Hasenherz in rauer Verpackung.
Leider ist an der Herz-Front noch kein Erfolg zu melden. Das Herz ist ohne größeren Schaden davon gekommen und die Lunge ist mit 95% Leistung in Ordnung. Alleine fehlt mir die Puste. Die Kardiologen wissen nicht, warum das so ist. Ich stehe also ziemlich verlassen da und muss meine Gesundung selbst in die Hand nehmen. Der Mensch besteht eben nicht nur aus einer Herz-Lungen-Maschine, wie man bei den Schulmedizinern den Eindruck hat. So arbeite ich mich mühsam in die Tiefen der Medizin ein, um selbst entscheiden zu lernen, welche Therapie mich wieder fit macht.
Über Weihnachten wurde ein grippaler Infekt, den meine schulpflichtige Familie aus der Schule eingeschleppt hat, bei mir zu einer üblen Bronchitis mit 39° Fieber, an der ich immer noch knabbere. So fand der Heilige Abend für mich im Leopoldina- Krankenhaus in Schweinfurt statt am Tropf einer Infusion mit einem Antibiotikum.
Seit einiger Zeit arbeite ich mich in die Geheimnisse der Laborberichte meines Blutes ein. Begriffe wie Thrombozyten, Tropotin T, Triglyceride, Cholesterin als LDL und HDL gehen mir inzwischen locker von der Zunge, wie die Maßeinheiten mmol/l und mg/ dl. Ich lerne die Zusammenhänge zu verstehen und die Wirkung der Hormone. Ich bin nicht mehr hilflos den Ärzten ausgeliefert, die mich bisher gnadenlos mit den Segnungen der Pharmaindustrie vollgestopft haben.
Weil ich der Überzeugung bin, dass der Patient Franz ganzheitlich betrachtet werden muss, werde ich mich im Januar in eine Klinik begeben, die traditionelle chinesische Medizin praktiziert. Mal schau'n, ob Jing und Jang oder Sympathikus und Parasympathikus wieder in Einklang zu bringen sind.
So diktiert die Herzschwäche leider nach wie vor mein Leben. Obwohl ich so die Schnauze voll habe vom krank sein. Hypochonder ist nicht mein Ding.
Die Kinder werden mit Macht erwachsen. Meine große Tochter Rosi ist volljährig, macht im Frühjahr das Abitur und geht mit ihrem Freund weitgehend eigene Wege. Mein Sohn Leo braucht noch 2 cm, dann hat er mich eingeholt und wechselt im Sommer in die Oberstufe. Meine Jüngste Anni pubertiert auf das Heftigste und raubt den Eltern den letzten Nerv.
Pubertät ist, wenn die Eltern schwierig werden. ;-)
Die Familie verändert sich stark. Aus der in sich geschlossen Zelle strebt die Brut nun vehement nach Außen und nach eigenen Erfahrungen. Reisen in die Sahara machen die Eltern schon seit einem Jahr alleine. Die Kids sind immer mehr autark unterwegs.
Es entwickelt sich eine neue Form der Familienbande. Nicht mehr die Familie als Institution der Abhängigkeit, sondern die Familie als Basislager für Expeditionen in die dünne Luft des richtigen Lebens. Die Eltern wandeln sich von Bestimmern zu Beratern.
Auch der Franz musste ein paar schwere Lernprozesse machen. Zuerst mal, dass die Schaffenskraft nicht unerschöpflich ist. Der Herzkasperl setzt da auf einmal enge Grenzen.
Es ist auch nicht mehr zu leugnen, dass selbst ich älter werde. Wobei ich Altwerden immer noch als eine Zumutung empfinde. Die Begeisterung, an irgendwelchen Unimogs rum zu schrauben, geht inzwischen gegen Null. Neu entwickelt sich die letzten drei Jahre die Lust am Scheiben.
Der schwerste Lernprozess ist der Abschied von der unbedingten Autarkie, die ich mein Leben lang zelebriert habe. Unabhängigkeit macht einsam. Bis jetzt kann ich weder mit der Einsamkeit, noch mit der Hilfsbereitschaft anderer Menschen leben, auf die ich immer mehr angewiesen bin.
Überhaupt ist die Sache mit der Nähe kontra Eigenständigkeit ein schwieriges Terrain, das mir dicht vermint erscheint mit Fettnäpfchen- Minen. Ich trete natürlich in ein Fettnäpfchen nach dem Anderen.
Aber wir wissen ja, das einzige Beständige ist die Veränderung. Ich denke, dass sich im Jahr 2012 diese Entwicklungen fortsetzen und festigen. Und ich hoffe natürlich sehr, dass ich wieder einigermaßen auf die Füße komme. Ich würde schon noch gerne ein paar Jährchen leben. Inshallah