Als ich auszog, einen Unimog- Reifen zu kaufen

 

Sonntag, den 22. März 2009. Auf unserer Tour in die östliche Wüste im Februar schlachtete ich meinen rechten Vorderreifen, in dem ich einen Ziegelstein auf der Fahrbahn bei 90km/h übersehen hatte. In die Landschaft zu schauen, rächt sich in Ägypten zuweilen. Nachdem die Freude abebbte, dass wir das überlebt haben und der Zorn hoch stieg, wegen des zerstörten, neuen Reifens, setzte sich die Erkenntnis durch: Ein neuer Reifen muss her. Der Alte ist unreparabel.

Blauäugig, wie ich veranlagt bin, marschiere ich also in den nächsten, mir bekannten Reifenladen. Ich hätte eigentlich vom Batterie- Debakel gewarnt sein müssen.

Ein Unimogreifen unterscheidet sich beträchtlich von einem LKW- Reifen. Während der LKW- Reifen eher schmal und sehr steif in der Flanke ist, baut der Unimogreifen breit und hat eine weiche Flanke, um das Fahren mit reduziertem Luftdruck auf weichem Untergrund zu begünstigen. Diese Unimogreifen heißen MPT- Reifen. (Multible Purpose Tire)

Der Chef das Reifenladens inspizierte den Reifen am Unimog, fand mit Unterstützung von mindestens fünf weiteren "Fachleuten" die Reifengröße und schrieb alles, inklusive unserer Mobile- Nummern auf und versicherte mir, Optimismus verbreitend, morgen mit positiven Bescheid bei mir anzurufen. Ich habe nie wieder etwas vom ihm gehört.

Nach dem ich alle möglichen Leute auf meine Reifensuche angesetzt hatte, folgte eine Odyssee durch Kairo und seine Reifenläden. Nach zwei Wochen vergeblicher Suche war klar, diese exotische Größe gibt es im normalen Reifenladen nicht. Bei Nutzfahrzeugen werden etwa maximal fünf verschiedene Reifengrößen im Land verwendet. Für meine Bemühungen, den jeweiligen Großhändler genannt zu bekommen, erntete ich Schulterzucken und ein freundliches Lächeln. Malesch, Inshallah.

Irgendwann gab ich auf mit der Gewissheit, dass ich auf diesem Weg noch am jüngsten Tag einen Reifen suchen werde.

Von einem Touristen mit einem IFA, den wir um Weihnachten am Parkplatz des Kaufhauses Carrefour getroffen haben, wusste ich, dass es solche MPT- Reifen in Kairo gibt. Es gibt vermutlich so gut wie alles in Kairo. Die Kunst ist es, heraus zu finden, wo. Aktuelle Branchenbücher, oder Verzeichnisse über Firmen diverser Sparten gibt es nicht. Der primäre Informationsweg ist die Mund zu Mund- Propaganda. Ohne arabische Sprachkenntnisse also keine Chance.

Dem Internet sei dank, setzte ich mich mit den Firmen Mitas- Reifen, Continental und Michelin in Verbindung und bat die Herrn um die Adresse eines Importeurs ihrer Produkte in Ägypen.

Während Continental und Michelin auf meine Emails nicht einmal reagierten, bekam ich von Mitas- Reifen die erforderliche Unterstützung. Nach fünf Tagen hatte ich die Adressen von drei Importeuren der Firma Mitas im Mailpostfach. Über die zahlreichen Versuche, in diesen Firmen jemanden an das Telefon zu bekommen, der leidlich Englisch spricht, gingen weitere fünf Tage ins Land. Dann endlich, hamdulilla, hatten wir Glück bei einem der drei Mitas- Importeure. Nach einigem Hin und Her stellte sich die Sache folgendermaßen dar: Einen Reifen in meiner Größe und passendem Geschwindigkeits- und Lastindex kann er mir in Europa besorgen. Euro 400,- plus 50% Zoll und es dauert zehn Wochen. Er hätte aber einen Baggerreifen auf Lager. Der ist ein Diagonal- Reifen, der passt in der Größe, darf aber nur max. 40km/h schnell gefahren werden. Den würde ich als Ladenhüter für Euro 250,- bekommen. Wir haben zwei Tage die Für und Wider abgewogen. Ich hasse Entscheidungen zwischen Teufel und Belzebub. Wir haben uns dann für den Baggerreifen entschieden. Auf den müssen wir nicht warten und im GAU ist es immer noch besser, nur 40km/h zu fahren, als ohne Reserverad oder mit 90km/h und finanziell ruiniert.

Wir machten uns einen Tag später auf nach Kairo downtown mit der vagen Wegbeschreibung des Impoteurs und der Adresse seiner Niederlassung.

Bis in die Nähe der kleinen Straße war es abgesehen vom normalen Verkehrschaos kein Problem. Dann verloren wir uns im Dickicht kleiner Einbahnstraßen im Autozubehör- Viertel.

Dort gibt es unglaublich viele Kugellagerhändler, Industriegummiläden und unzählige Autozubehörläden auf einem Fleck. Weil die Straßen eng sind und vor Allem ständig verstopft durch asoziales Parken oder hirnentleerte Fahr- und Rangiermanöver, ist es nicht ratsam, in das Gewirr hinein zu fahren. Wir zogen es vor, in einer nahegelegenen, größeren Straße zu Parken. In zweiter Reihe, versteht sich. Einen regulären Parkplatz bekommt man in Kairo nur um 3:00Uhr Nachts.

Nach einem Anruf beim Importeur schickte dieser einen Mitarbeiter los, uns abzuholen. Eine auffällige Landmarke war eine Mobiltankstelle in unserer unmittelbaren Nähe. Kurzum, es brauchte acht Telefonate, bis wir uns fanden, denn 100m weiter ums Eck ist noch eine Mobiltankstelle und 100m nördlich ist auch eine Mobiltankstelle. Nach einer halben Stunde hin und her begrüßte uns der Mitarbeiter, ein sehr schwarzer Afrikaner aus Madagaskar. Ich fiel gewohnheitsmässig sofort ins Französische, dass ich genauso schlecht spreche, wie Englisch. Er freute sich trotzdem, mal wieder in der Heimatsprache reden zu können.

So kamen wir mit seiner Führung zügig in die Niederlassung des Impoteurs. Das war ein Laden mit opulentem Eingangsportal, dessen gute Zeiten längst vorbei waren. Im Eingangsbereich waren werbewirksam Reifen aller Großen trappiert. Nach der Begrüßung und der Servierung von Getränken wurde der Ladenhüter aus den unergründlichen Tiefen des Lagers geholt. Der Reifen war derart verstaubt, dass ich befürchtete, er könnte aus der Zeit der Pharaonen stammen. Letztendlich war er Baujahr 2007 und hatte den Speed- Index D, also 65km/h. Ich sah es und war zufrieden.

Nach einer halben Stunde Warten auf undurchschaubare, firmeninterne Abläufe zur Rechnungserstellung war der Deal unter Dach und Fach. Ich war etwas nervös wegen des Parkens in zweiter Reihe.

Bemerkenswert ist hier in Kairo, dass in solchen Firmen immer unheimlich viele Leute rumhängen, die eigentlich nichts tun. Nun versuchten also zwei der zahlreichen Mitarbeiter den Reifen mit einer Sackkarre zum Unimog zu transportieren. Schon nach wenigen Metern scheiterten sie kläglich am extrem engen Platzspielraum in der engen Straße. Mit einem LKW- Reifen quer auf der Sackkarre im basarähnlichen Gewusel, durchsetzt mit zahlreichen Autos konnte das nicht funktionieren. Ich schaute mir ihre Bemühungen eine Weile an, nahm dann den Reifen von der Sackkarre, und rollte ihn einfach zwischen den Autos und Fußgängern Richtung Unimog. In ihrer Ehre gekränkt, nahm man mir das Reifenrollen nach zehn Metern aus der Hand und ich war wieder Zuschauer im Chaos auf ägyptischen Straßen. Bei den zahlreichen Remplern mit dem Reifen gegen die Autos dachte ich mir beruhigt, dass zumindest der Reifen sicher keinen Schaden nimmt. Das Rollen eines 60kg schweren Reifens auf unebener Fahrbahn ist nicht so einfach. Insbesondere dann, wenn der Akteur auch nicht mehr auf die Waage bringt. Mit viel Palaver, Geschimpfe und Gerangle erreichten wir schließlich den Unimog. Das Bakschisch verdienten sich unsere Männer letztendlich mit dem Hochheben des Reifens in den Unimog- Aufbau von immerhin 1,3m Höhe.

Am nächsten Tag machte ich mich nach der Schule auf dem Lehrerparkplatz daran, den kaputten Michelin von der Felge und den neuen Mitas auf die Felge zu montieren. Nachdem ich bei der Odyssee durch die Reifenläden beobachtet hatte, wie LKW- Reifen montiert werden, verzichtete ich auf diese Dienstleistung zum Schutze meine Felge. Das Prozedere der Reifenmontage händisch mit Montiereisen ist nicht schwer und auf früheren Reisen oft geprobt. Ich bin zur Reifenreparatur und Montage auch bestens ausgerüstet. Der flankenweiche Michelin war auch schnell abmontiert. Hässlich wurde die Montage des Mitas. Der ist am Wulst erheblich steifer, als der Michelin. Ich brachte das Schwein nicht auf die Felge. Es fehlte mir im entscheidenden Moment die reine physische Kraft an den Montiereisen. Ein Wächter der Schule erbarmte sich alsbald meiner und zusammen klappte es dann leidlich, nach dem ich ihm einen Crashkurs im Reifenmontieren verpasst hatte. Es ist leider nicht zu leugnen, dass ich nicht mehr der Jüngste bin und nicht mehr die Kraft eines Dreißigjährigen zusammen bringe. Hinzu kommt mangelndes Training, da die heutigen Reifen weitgehend pannenfrei laufen.

Auf den Bildern ist auch der Fahrradschlauch- Trick zusehen. Damit kann man bei schlauchlosen Reifen beim ersten Aufpumpen den Reifenwulst zur Felge abdichten. Bei neuen Reifen klafft immer ein großer Spalt zwischen Reifenwulst und Felgenhorn.

Also war der Mitas nach schweißtreibenden vier Stunden glücklich auf der Unimogfelge.

Der Sicherheit ist nun wieder Genüge getan und wir können ruhigen Gewissens die nächste Wüstentour angehen.

 

Jedoch appelliere ich stark an Allah, dass ich den Mitas nie wieder montieren muss. Inshallah.

 

Mittwoch, den 9. September 2009

Hamdulilla, Allah war mir gnädig. Der Mitas liegt in meiner Werkstatt in München und ich muss ihn nie wieder montieren.

 

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