Internet in Kairo

die unendliche Geschichte

 

Wie jede moderne Familie aus der westlichen Hemisphäre, sind auch wir inzwischen weitgehend abhängig vom Internet. Berufliche Aktivitäten und soziale Kontakte sind ohne das Netz der Netze nicht mehr vorstellbar. Ich verdiene sogar meine Brötchen zurzeit mit WEB- Seitendesign.

Eine noch mal bedeutendere Position für die sozialen Kontakte bekommt das Internet, wenn man eine Weile im Ausland lebt. Über WEB- Seite, Email und Skype bleibt man eng verbunden mit seinen Lieben im Heimatland.

Diese Segnungen der Moderne hat man aber nur, wenn der Internetanschluss auch funktioniert.

Das Solches in manchen Regionen der Welt nicht selbstverständlich ist und was wir in Kairo auf uns nehmen mussten und immer noch müssen, um etwas weite Welt ins Wohnzimmer zu bringen, davon handelt folgende Geschichte:

 

Einen ersten Eindruck bekamen wir bei unserer Ankunft im Sommer 2008 in Kairo. Wir wohnten ja bekanntlich die erste Woche im Unimog auf dem Lehrerparkplatz der Schule. Das Notebook empfing ein properes WLAN Signal der Schule. Leider muss aber das Kennwort im Notebook und die IP- Adresse des Notebooks im Schulserver eingetragen werden, sonst geht nichts. Da wir von Anfang an beim damaligen IT- Administrator nicht beliebt waren, klappte der Zugang in das DEO- WLAN erst nach zwei Wochen nach mehrfacher Intervention beim Geschäftsführer.

Zu unserem Glück reichte das offene WLAN der UNI- Kairo bis zur Pforte der DEO und so saß ich manch einsame Stunde auf der Pfortenbank, um mich im Internet zu tummeln.

In unserer ersten Wohnung hinter der Schule im Stadtteil Dokki wollte ich dann schnellstens den eigenen ADSL- Zugang einrichten. Unserer Vermieter meinte, das sei überhaupt kein Problem und er kümmert sich drum. Da hatte ich schon leichte Zweifel, da unser Vermieter 70 Jahre alt war und nicht den Eindruck eines technikbegeisterten Weltmannes machte. Allah sei dank, man kann im Notfall immer über eine Einwahlnummer per Modem ins Netz. Das ist aber mit 56kB per Sekunde derartig langsam, dass es nur für Emails Sinn macht. Die Bank beim Internetbanking hatte mir zweimal den Login geschlossen, weil beim Datenschaufeln zu viel Zeit verging.

So sitze ich in der Veranda und nütze für nicht sicherheitsrelevante Internetseiten und Mails den offenen WLAN eines freundlichen Nachbarn. Den kann ich nur in der Veranda empfangen und er ist leidlich nutzbar mit etwa 2000 KB Download. Am vergangen Freitag hatte der Lümmel doch frecherweise sein WLAN ausgeschalten.

Da das Internet zurzeit nur auf einem Rechner nutzbar ist, nämlich meinem, muss ich diesen mit Klauen und Zähnen verteidigen. Hier ist der harte Kampf um die Resource in der Familie ausgebrochen.

Nach langer Wartezeit und ständigem Nachfragen, was den nun sei mit dem Internetanschluss, nahm der Sohn des Hausbesitzers die Sache in die Hand. Er erklärte uns, dass ein Mitarbeiter von LINKdotNET vorbei kommt und wir müssen aber im Voraus bezahlen. LINKdotNET ist einer der örtlichen ADSL- Anbieter.unimurr.com/fileadmin/Pages/Internet-3.jpg

Heute Abend wollte, zum wiederholten Male, der Herr von LINKdotNET vorbei kommen und den Router und das DSL-Modem bringen. Es ist jetzt 22:00 Uhr und ich glaube nicht mehr daran. Die Internet- Gebühren haben wir ärgerlicherweise drei Monate im Voraus bezahlt, sonst würde ich den Anbieter wechseln. Heute weiß ich, dass LINKdotNET der zuverlässigste Anbieter ist. Es ist alles eine Frage des Maßstabs.

Dann gegen 23:30 Uhr hamdulillah, das DSL läuft. Um 22:00Uhr klingelte der Sohn des Hausbesitzers mit einem WLAN Router/Modem/Splitter unter dem Arm und setzte sich mit einem freundlichen Herrn mit grausigem Englisch von LINKdotNET über Handy in Verbindung. Mit seiner Hilfe und Petra als Dolmetscher, installierte ich das all- in- one- Kästlein. Das Prozedere war schon sehr abenteuerlich und hatte nichts mit einer Installation bei uns zuhause gemein. So viel schräge IP- Adressen habe ich noch nie getippt. Das muss an den besonderen Verhältnissen der Telekommunikation in Ägypten liegen. Kurzum, um 22:45 klappte das Internet. Eine Viertelstunde brauchte ich noch, um das WLAN außer Betrieb zu nehmen und den Drucker auf die neue IP- Adresse umzustellen und nun funzt der Laden. Ich hatte alle Rechner verkabelt in der Wohnung.

Wie immer in Arabien gibt es auch hier ein Wermutströpflein. Das DSL arbeitet nur mit 512kB/ 125kB und nicht wie bestellt mit 2000kB/ 500kB. Da ist also noch ein Gang zur Gesellschaft nötig.

Nach drei Tagen hatte ich endlich das Skype in Betrieb genommen. Das war mit Irrungen und Wirrungen verbunden, weil ich die Software in D auf den Rechner installiert hatte, das Skype aber von Ägypten aus nutzte. Da mussten die Herrn vom Support erst an ein paar Knöpfen drehen, bis ich nach Deutschland in das Festnetz wählen konnte. Das klappte dann reibungslos und ich wurde schnell zum chatter mit Skype. Meine Kinder waren begeistert. Endlich chattet der Alte auch.

So hatten wir bis zu unserem Umzug Anfang Januar nach Maadi ein langsames, aber brauchbares Internet. Von diversen Stromausfällen und gekappten Seekabeln mal abgesehen.

 

Mit dem Einzug in unsere neue Wohnung wurden wir bald bei der örtlichen Niederlassung in Maadi von LINKdotNET vorstellig, um den ADSL- Anschluss auf die neue Rufnummer zu ändern. Zuerst sah auch alles gut aus. Wir müssten eine Woche warten, sagte man uns. Das Allah dem Menschen die Zeit geschenkt hat, aber nichts von Eile gesagt hat, lernt man in Ägypten schnell. Als nach zwei Wochen immer noch nichts passiert war, machten wir etwas Druck in form von anrufen und persönlicher Präsenz bei LINKdotNET. Dabei kam heraus, dass LINKdotNET den Anschluss nicht machen kann, weil wir kein Kupfer haben. Wir müssten zuerst bei Telecom Maadi persönlich vorsprechen. Das erzeugte bei uns erst mal ein großes Fragezeichen??? Was ?wir haben kein Kupfer? bedeutet, konnte uns bis heute keiner erklären und bleibt somit einer der ägyptischen Mysterien.

In dieser Sache waren wir also tags drauf vorstellig in der Telefonzentrale von Maadi. Ein Mitarbeiter hörte sich unser Anliegen an und versprach, die Leitung am nächsten Tag vor Ort zu prüfen. Warum wir persönlich erscheinen sollten, blieb im Dunkeln. Dabei muss man wissen, dass weite Teile der Gespräche freie Interpretation sind, weil eigentlich keiner richtig englisch spricht. Unsere Kommunikation ist meistens eine Mischung aus arabisch, englisch, Händen und Füßen.

Die Überprüfung unserer Leitung fand nie statt.

Der Gang durch das Innenleben der Telefonzentrale von Maadi war ein beeindruckendes, für mich unvergessliches Erlebnis. Das Herz des Gebäudes ist ein Saal von geschätzten 20 x10 Metern und eine Höhe von 5-6 Metern. In der Mitte steht eine regalähnliche Konstruktion bis zur Decke mit Tausenden von Kabelverteilern. Von allen Seiten führen dicke und dünne Kabelstränge aus verdrillten Telefonleitungen in Kabelschächten in fünf Ebenen kreuz und quer zu diesem Verteiler. Die Kabelführung ist sehr ägyptisch. Zwischen diesem Chaos aus Kabelsträngen sitzen ein paar Ägypterinnen an Rechnern und gehen einer unklaren Tätigkeit nach. Im Verteilerregal turnen ein paar Techniker herum und klemmen ständig Leitungen um. Seit ich das gesehen habe, bin ich voller Erfurcht darüber, dass man in Ägypten überhaupt mit der gleichen Nummer auf Dauer telefonieren kann. Wir haben also bis heute kein ADSL in der Wohnung.

Ich vermute, dass es zwei Telefonnetze in Maadi gibt. Ein altes, analoges Netz und ein neues digitales Netz. Mit unserm Haus aus den siebziger Jahren hängen wir sicher noch am analogen Netz, das sie scheinbar nicht mit dem Internetknoten verheiraten können. Eine weitere Theorie kursiert, dass früher Telefonleitungen aus Aluminium verlegt wurden und diese ungeeignet für die Bandbreite einer Internetverbindung sind. Das wäre eine Erklärung für den Begriff ?Kupfer?

Entspannung kam eine Woche später durch den Sohn des Hausbesitzers, der unter uns wohnt.

Unser Vormieter hatte ADSL laufen. Der Router wanderte zum mieter über uns, als unser vormieter auszog. Mit der Kennung ?Godfrey$Network? lief er weiterhin und wir bekamen den Zugangscode. An diesem Router partizipierte das halbe Haus. Entsprechen schlecht war manchmal die Bandbreite. In unserer Wohnung war leider nur im Eingangsbereich eine vernünftige Signalstärke zu erreichen. So musste ich mein Büro neben der Eingangstür einrichten. Das Arbeiten war mühsam, im Winter kalt und im Frühjahr heiß, aber man konnte damit leben.

Als wir nun im August 2009 von Deutschland zurück kamen, war ?Godfrey$Network? ausgeschalten und der Sohn des Hausbesitzers kommt erst Mitte September aus Deutschland zurück.

Also erstmal wieder Modem mit Einwahlnummer und 56K Download. )-:

 

Von der Werbung animiert, entschlossen wir uns, ein UMTS- USB- Modem anzuschaffen. Die Internet- Recherche ergab, dass der Anbieter Etisalat aus den arabischen Emiraten dass interessanteste Angebot hat. Ein 3,75G USB- Modem mit 7,2 MB Download in Verbindung mit einem WLAN- Router mit RJ45- Buchse, auf dem man das USB- Modem aufstecken kann. Das heißt hier Wifi-LAN- Adapter. An sich ganz pfiffig und genau das, was wir brauchen. Das Ganze wird in der Werbung als ultimativer Geschwindigkeitsrausch beim Surfen verkauft.

Um die Hardware kostenlos zu bekommen, mussten wir für ein Jahr im Voraus bezahlen. Ein halbes Jahr für das USB- Modem und ein halbes Jahr für den Wifi- Adapter. So wechselten EP 3500,- den Besitzer in der Hoffnung auf 7,2 MB Download und 6 GB Trafik pro Monat.

Am ersten Abend nach der Inbetriebnahme funktionierte das Ganze auch leidlich. Von 7,2 MB Download konnte allerdings keine Rede sein. Wir dümpelten bei 300KB. Berauschend, wie in der Werbung verkauft, war das nicht. Die Tage darauf wurde der Zugang immer schlechter. Es folgten uns schon bekannte, zermürbende Gespräche und Emails mit dem Support von Etisalat. Es hat dort eigentlich niemand wirklich Ahnung und man bekommt wirre Tipps, die sich schnell als Unsinn entlarven, wenn man sich etwas schlau gemacht hat über das UMTS- Netz. Ein angebotenes Upgrade der Routersoftware, dass deutliche Besserung bringen sollte, scheiterte drei Tage daran, dass der Support das Passwort für die gepackte Datei nicht fand. Natürlich brachte das Upgrade nichts.

Stand der Dinge ist nun, dass das UMTS- Modem ?unimurr-salat? streckenweise zufrieden stellend läuft und manchmal einfach nichts geht. Das wird wohl am ägyptischen UMTS- Netz liegen, trotz sehr guter Signalstärke und ständig der schnelle HSPA- Modus. Ich glaube nicht, dass es an der Hardware liegt. Heute hatte ich sogar mal 1,3MB download, unser Spitzenwert bisher.

Die positiven Seiten sollen aber nicht verschwiegen werden. Als gestern wieder mal der Strom ausfiel, konnte ich weiter arbeiten, da das UMTS- Modem vom Notebook- Akku versorgt wird.

 

Das ist der Stand der Dinge am Samstag, den 5. September 2009. Wenn der Sohn des Hausbesitzers in einer Woche wieder im Hause ist, versuche ich mein Glück noch mal mit ?Godfrey$Network?. Dummerweise hat er das Passwort für den Routerzugang vergessen. Wir werden also ganz von vorne anfangen müssen mit einem Reset auf Werkseinstellung. Schaun wir mal oder inshallah.

 

Fortsetzung folgt.

 

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