Die Gehsteige in Kairo

oder die sicherste Methode, sich ein Bein zu brechen

 

Ich bitte die schlechte Qualität der Fotos zu entschuldigen. Die Bilder sind mit einer billigen Taschenkamera gemacht. Außerdem reagieren viele Menschen mit Ärger, wenn auf der Straße fotografiert wird, so dass ich die meisten Bilder aus der Hüfte "schießen" musste.

 

Zu welchem Zweck diese in Kairo da sind, konnte ich noch nicht ergründen. Deshalb machte ich mich zuerst einmal schlau, was Gehsteig, auch genannt Gehweg oder Bürgersteig eigentlich bedeutet?

Frei nach Wikipedia: Der Gehsteig ist der Teil der Verkehrsfläche einer Straße, der für den Fußverkehr vorgesehen ist.

 

Ich weiß noch nicht, was Gehsteig auf arabisch heißt, für Fußgänger sind sie jedenfalls nicht vorgesehen und nicht mal annähernd dafür geeignet.

Als disziplinierter Mitteleuropäer versucht man erst ein mal darauf laufen, wie wir das von Zuhause gewohnt sind. Das geht aber nur partiell und dann mit äußerster Konzentration und Achtsamkeit. Während des Gehens nach einem Geschäft oder nach einer der seltenen Hausnummern Ausschau zu halten, ist lebensgefährlich.

Jeder Hausbesitzer gestaltet seinen Gehsteigbereich frei nach seinem Gutdünken. Das führt zu bemerkenswerten Inkompatibilitäten zu den angrenzenden Häusern.

Der gemeine Fußgänger kämpft deshalb mit Höhenunterschieden von bis zu 40cm, Löchern jeder Größe und Tiefe, aus dem Boden ragende Gewindestangen und vielen, anderen mannigfaltigen Hindernissen.

Meistens beginnt Eine Tiefgaragenabfahrt beginnt meistens an der Bordsteinkante der Straße, so dass man einen Meter tief fallen kann, wenn man sich in der Nähe der Hauswand auf dem Gehsteig bewegt und dieser breit genug ist. Über diversen Gruben, etwa 60x60cm, deren Sinn mir bisher verborgen bleibt, fehlen mehrheitlich die Deckel oder haben ausgebrochene Stellen, so dass der Deckel bei Belastung am Rand einfach nach unten klappt. Fehlt der Deckel, ist die Grube randvoll mit Müll aller Art.

War ein Verkehrsschild, Werbewand oder andere Dinge auf dem Gehsteig am Boden verschraubt, bleiben nach der Demontage die Gewindebolzen stehen. Diese übersieht man leicht im schmutzigen Bodengrau und schlägt sich schmerzhaft die Zehen an, falls man mit Sandalen unterwegs ist. Durchschnittlich alle zwanzig Meter blockiert ein Auto wegen der kronischen Parkplatznot in jeder Einfahrt und blockiert den Gehsteig vollkommen. Die Parker haben dabei nicht den Hauch eines Unrechtsbewusstseins. Im ägyptischen Kastensystem steht der Autofahrer weit über dem Fußgänger. Manchmal parken die Autos an Straßeneinmündungen so dicht, dass als Fußgänger kein Durchkommen ist. Man muss zurück laufen und bei der nächsten, passierbaren Lücke auf die Fahrbahn ausweichen. Die Parkplatznot verschärft sich in Kairo wegen der Autoleichen, die etwa 30% der abgestellten Fahrzeuge ausmachen. Dabei beziehe ich mich nur auf die Fahrzeuge, die sich eindeutig nie mehr aus eigener Kraft bewegen werden.

Besonders unappetitlich sind die Müllhaufen auf dem Gehsteig an vielen Straßenecken. Dort kippt jeder seinen Hausmüll hin und der Müllberg wächst kontinuierlich. Die Entsorgung läuft folgendermaßen: Zuerst kommen die wilden Katzen und fressen alles Genießbare, dann folgen die wilden Hunde und fressen alles Verdauliche. Darauf folgen die Kopten und ziehen alle Wertstoffe aus dem bereits stinkenden Müll. Und irgendwann, inshallah, kommt ein Müllauto und trägt den Müllberg ein Stück ab. Keine halbe Stunde später beginnt der Haufen wieder zu wachsen. Generell liegt unglaublich viel Müll auf den Gehsteigen und den Fahrbahnrändern. Die Ägypter lassen jedem Abfall oder die Verpackung einfach fallen. Ein Ägypter würde sich niemals bücken und seinen Abfall von der schmutzigen Straße aufheben. Zuweilen sieht man Straßenkehrer, die lustlos und ohne sichtbares Ergebnis mit Reisigbesen am Straßenrand herum stochern. Inzwischen habe ich immerhin schon zwei Straßenreinigungsfahrzeuge im Einsatz gesehen. Kürzlich hat jemand eine LKW- Ladung Bauschutt auf den Gehsteig vor der Schule gekippt. Der lag dort gute zwei Wochen und blockierte den Gehweg vollständig.

Wegen all dieser Hindernisse laufen die Fußgänger selbst auf den Hauptstraßen trotz des wahnwitzigen Verkehrs mehrheitlich auf der Fahrbahn.

Sucht man etwas in einer Strasse oder wendet man den Blick in die Schaufenster bei gleichzeitigem Weitergehen, ist das brandgefährlich und ein Beinbruch vorprogrammiert. Zum Schweifen lassen des Blickes sollte man unbedingt stehen bleiben.

Weitere Hindernisse zum zügigen Einherschreiten sind die Wachhäuschen, die vor jedem offiziellen Gebäude oder den Häusern mit etwas betuchteren Besitzern stehen. Ebenso Kartentelefonhäuschen, die ohne Gnade einen schmalen Gehsteig blockieren.

Ein besonderes Augenmerk muss man auf die kleinen Pfützen auf den Gehsteigen richten. Missachtet man diese ohne auszuweichen, tropft es ordentlich auf den Kopf und in den Nacken von diversen Klimageräten. Zum Trost weiß man, es ist kondensierte Luftfeuchte und chemisch rein.

Kurzum, es gibt mannigfaltige Hindernisse, Fallgruben, Obststände, Müllberge, Verkaufsbuden, Autoleichen und dreiste Gehsteigparker, dass ich die Gefahr, mir als Fußgänger ein Bein zu brechen, deutlich höher einschätze, als vom Minibus beim Überqueren der Fahrbahn tot gefahren zu werden.

 

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