Nun sind ein paar Tage ins Land gegangen und die ersten Eindrücke verarbeitet. Einen Kulturschock haben wir nicht erlebt, aber durchaus Wahrnehmungen und Befindlichkeiten.
Erste globale Einsicht: Ohne die arabische Sprache geht in Kairo fast nichts. Die englisch sprechende Bevölkerungsschicht ist sehr dünn gesät. Auch gebildete Ägypter sprechen nicht automatisch englisch, Vor Allem die Älteren nicht. Schon so simple Dinge, wie Taxifahren werden zum Abenteuer. Das heißt, ohne ausreichende Sprachkenntnisse bewegt man sich hier nur an der Oberfläche ohne Chance zur Kommunikation. Jede Unternehmung wird zum tagesfüllenden Geschäft. Ein Einkauf in den großen Supermärkten von 1,5 Stunden Dauer geht einher mit zusätzlich 6 Stunden Fahrtzeit. Die Stadt ist in der Fläche sehr groß und Einkaufsmöglichkeiten in allen Richtungen in den Randgebieten. Es ist praktisch zu jeder Tages- und Nachtzeit Stau in Kairo. Autofahren ist zwar kein Problem, kostet aber unheimlich Kraft, da jede Sekunde mit einem irrwitzigen Manöver der Ägypter gerechnet werden muss. Das findet dank des Dauerstaus gottlob bei geringen Geschwindigkeiten statt. Also 110% Konzentration. Zu Fuß gehen ist ein Spießrutenlaufen. Besondere Würze hat das mit 5 Einkaufstüten bepackt. Straßenübergänge gibt es nicht. Man läuft einfach in den dichten Verkehr und wurstelt sich irgendwie durch die 4 - 6 Spuren. Wir suchen uns zum Queren der Strasse immer die zahlreichen Speedbraker. Diese zwingen die Autos zum Bremsen und entschärfen etwas das Risiko. Hinzu kommt der Lärmstress auf den Strassen. Ägypter hupen ständig mit und ohne Anlass. Hauptsächlich aus europäischer Wahrnehmung ohne Anlass. . Auf einer Internetseite habe ich heute zum Thema Führerschein gelesen, dass der Ägypter zur Fahrprüfung nur hupen können muss. :-)
Auch wohnen die deutschen Familien weit verstreut, so dass Besuche immer eine große Aktion werden. Mal eben schnell etwas besorgen geht in Kairo als arabisch Unkundiger nicht.
Das führt zu einer Isolation, unter der ich sehr leide. Diese aufzubrechen, wird wohl noch eine Weile dauern. Petra hat es durch die Schule und das Kollegium da etwas leichter.
Ebenfalls isoliert sind die Kinder. Einfach auf die Strasse und unterwegs sein oder gar Radfahren ist in Kairo als Europäer nicht möglich. Der Straßenverkehr ist zu gefährlich und ohne Auto ist der Bewegungsradius zu klein. Das trifft besonders die Mädchen. Rosi kann sich mit ihren 15 Jahren ohne männliche Begleitung nur sehr begrenzt bewegen. Das Mama-Papa-Taxi hat hier Hochkonjunktur. Wir werden bald einen zusätzlichen PKW brauchen. Im Verkehrsgerangel ist der Unimog zwar von Vorteil, vom Parkraum und von der Beschädigungsgefahr aber eher ungeeignet.
Alles in Allem empfinde ich die Kluft zwischen Arabern und Europäern als wesentlich größer, als in dem frankophonen Maghreb.
Ganz besonders setzt mir der Lärm zu. Araber sind einfach laut. Ich denke oft auf der Strasse, da gibt es gerade bösen Streit. Weit gefehlt, man unterhält sich nur angeregt. Kommuniziert wird über weite Strecken mit Schreien. Das Ganze garniert mit Autolärm und vielstimmigem Hupen. Heute wollte mir Petra während des Gangs zum Einkauf auf der Strasse über die Schule erzählen. Das war nicht möglich, zu laut.
Kommt man dann in die Oase der Wohnung, empfängt einem die rappelnde Klimaanlage, ohne die im Sommer kein Schlafen ist. Der Hund des Wächters winselt und jault die ganze Nacht und während des Ramadan ist bis 3 Uhr Morgens Rambazamba auf der Strasse mit Geschrei, Gehupe, Feuerwerkskörper und Schusswaffen.
Beim Aufstehen um 5:30 Uhr schauen wir gerade sehr alt aus. Die Schule beginnt hier um 7:00 Uhr.
Ich sehne mich nach der Stille der Wüste. Einen Vorteil will ich nicht unerwähnt lassen. Meinen Dauer- Tinitus höre ich hier seltener.
Es geht der Tag mit der Sicherung der Lebensnotwendigkeiten einfach rum. Wie das werden soll, wenn ich auch arbeite, ist mir schleierhaft.
Umdenken müssen wir auch mit unserem Energiehaushalt. Der Lärm, die Hitze und das Verarbeiten der Fremdartigkeit kosten soviel Kraft, dass ein Leistungspensum, wie in Deutschland nicht möglich ist. Es warnen uns alle davor, uns selbst zu überfordern. Das nehmen wir ernst, sonst droht Krankheit.
Kairo ist ein teures Pflaster, will man das Niveau aus Deutschland einigermaßen halten. Laut Auskunft der Alteingesessenen sind die Lebenshaltungskosten und die Mieten im letzten Jahr extrem gestiegen. Eine Wohnung ist unter Euro 600,- nicht zubekommen. Normal für Europäer ist Euro 600,- - 1500,-, je nach Lage und Ausstattung.
So wie es aussieht, werden wir Euro 500,- für Lebensmittel brauchen, obwohl wir darauf achten, ägyptische Produkte zu kaufen. So wird es mit Petras Gehalt eng werden. Auch in Kairo ernährt man als Normalverdiener keine Familie alleine, wenn man den gewohnten, deutschen Standard halten will. Unsere ersten Erfahrungen über die Lebenshaltungskosten und Mieten decken sich nicht mit dem Szenario, das man Petra bei den Einstellungsgesprächen geschildert hatte.
So ist unsere erste Bilanz eher ernüchternd. Vieles wird sich noch ergeben und einrichten lassen. Unfreiheit, Lärm und Smog werden bleiben. Inshallah

