Donnerstag, 10. September 2009 Nikolaus, die Pubertät, der Zahnarzt und andere Unwägbarkeiten

 

Inzwischen ist bei uns der Alltag eingekehrt. Der Schulbetrieb ist nach anfänglichen Schwierigkeiten seitens der ägyptischen Behörden wegen der Schweinegrippe doch nun angelaufen. Es gibt zwar immer wieder Probleme und das Kultusministerium schließt uns immer wieder tageweise die Schule.

 

Die Familie benützt nun häufig den Schulbus, um die 15km von Maadi nach Dokki zur Schule zu kommen. Das schont den Unimog und vor Allem meine Nerven am Nachmittag bei der Heimfahrt.

Das Auto fahren ist trotzdem inzwischen zur Routine geworden. Das Beobachten des Verkehrs um mich herum und die richtige Einschätzung der nächsten Aktion meiner Mitstreiter um die rare Verkehrsfläche ist inzwischen verinnerlicht. Ich kann mich während der Fahrt wieder angeregt mit meiner Frau unterhalten, weil der Verkehr nicht mehr die volle Aufmerksamkeit erfordert. Außerdem fahren wir seit August ohne Feindkontakt. Das hat mit der Routine zutun, aber mehr mit der Einsicht, dass 90% der Ägypter niemals eine Fahrschule besucht haben und elementare Verkehrsregeln nicht kennen. Mit diesem Wissen fahre ich gelassener und rücksichtsvoller. Ich begreife nun das kuriose Verhalten der Ägypter im Verkehr als Unwissenheit und nicht als Frechheit.

 

In Kairo tobt mal wieder die Auseinandersetzung über den Niqab. Das ist die form der Verschleierung, die nur einen Sehschlitz frei lässt. Die Zunahme der Frauen, die Niqab tragen, ist im Straßenbild Kairos deutlich zu beobachten. Und die Bevölkerung begegnet diesen Frauen mit Respekt.

Die Haltung der Regierung und der geistlichen Oberhäupter spiegelt meiner Meinung nach nicht unbedingt die Sicht des Volkes wieder.

Die Auseinandersetzung der Gesellschaft zu diesem Thema findet in der Mittelschicht statt, die es sich leisten kann, dass ihre Frauen nicht arbeiten müssen.

Die wirklich armen Leute in Kairo, und das sind nicht wenige, haben andere Sorgen. Wenn es um das tägliche Überleben geht, spielt ein Niqab keine Rolle. Damit kann die Frau nämlich nicht arbeiten.

Die wirklich Reichen, deren Kinder auf unsere Schule gehen, betrachten die momentane Ausübung islamischer Rieten als Bürde, denen man sich aus gesellschaftlichen Zwängen nach außen unterwerfen muss. Dahinter stehen die Kid's nicht. So ähnlich, wie bei uns mit der Kirche.

Nicht das sie ungläubig wären, aber sie erwarten von den Mullahs einen ihrer Intelligenz angemessenen Islam. Das sind die zukünftigen Leistungsträger der Gesellschaft. Ein Abitur der DEO öffnet jede Tür in Kairo und Ägypten.

Die Mehrheit der jungen Frauen im Straßenbild tragen meist das Kopftuch und lange Kleider. Modisch und körpernah, sich ihrer Weiblichkeit in den Bewegungen bewusst, dass von einer Verhüllung der weiblichen Reize keine Rede sein kann.

Heute ist Nikolaus. Zum Frust meiner Kinder ist es uns dieses Mal nicht gelungen, Schokoladennikoläuse aufzutreiben. Das machen wir aber mit anderem Süßkram wett. Ein weiteres, schweres Manko tauchte heute Morgen auf. Wir haben keine Stiefel in Kairo zum "vor die Tür stellen" und in die Halbschuhe geht nicht viel rein. Malesch, sagen da die Eltern grinsend. Das heißt so viel wie "Pech gehabt" mit der Betonung auf den arabischen Fatalismus.

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Heute Morgen öffnete Mein Sohn Leo das Fenster und meinte: Es riecht nach Winter. Da ging wohl die Fantasie gepaart mit der Sehnsucht nach Schnee mit im durch. Tatsächlich stank es, wie immer in Maadi im Winter nach dem Zementwerk in Helouan.

 

Alle sehnen nun die Weihnachtsferien herbei. Die Lehrer an der DEO haben dieses Jahr das Problem, das nach einem Beschluss des Gesundheitsministeriums jeder Lehrer mindestens sieben Tage im Land sein muss, bevor er die Schule betreten darf. Das wird mit der Inkubationszeit von H1N1 begründet. Das heißt für die Lehrer ein deutlich verkürzter Heimaturlaub über Weihnachten, da sie zum 1. Januar wieder im Land sein müssen. Uns stört das nicht. Einen Hin- und Rückflug zu Weihnachten nach München für fünf Leute können wir uns in keinem Fall leisten. Wir verziehen uns lieber in die Wüste.

Weihnachten feiern wir zuhause. Vom 25. Dezember bis Neujahr machen wir eine Tour mit der ganzen Familie. Von Neujahr bis 9. Januar bleiben die zwei Großen zuhause. Pubertätsbedingt haben sie grade keinen Bock auf Wüste. Die Jüngste will natürlich auch zuhause bleiben. Die fängt auch schon an, heftig zu pubertieren. Wenn wir sie bei einer Freundin unterbringen können, kann sie auch zuhause bleiben.

Dann machen Petra und ich eine Tour zu zweit und haben mal ein paar Tage nur für uns. Das hat auch was. Wir fahren in jedem Fall beide Touren alleine ohne Mitfahrer. Nur so können wir uns auf unsere Bedürfnisse konzentrieren. Wir haben viel zu bereden und ein großes Kümmerungs- Defizit.

 

Nun haben wir doch tatsächlich alle drei Kinder zusammen in der Pubertät. Die älteste lebt gerade ziemlich heftig ihre Spätpubertät aus und Leo und Anni fangen gerade etwa gleichzeitig mit der Frühpubertät an. Dass sie uns die Haare vom Kopf futtern, ist noch das Harmlosere. Bei mir gibt es da eh nicht mehr viel zu holen. ;-))

Unsere Große sehen wir kaum noch. Nur morgens im Schulbus und abends, wenn sie Hunger hat, wieder Geld braucht oder eine Prepaidkarte fürs Mobil. Die Kleinen zoffen sich zum Ausgleich verstärkt. Das kostet ganz schön viel Kraft.

Die Eltern im Vollzeit- Job, drei Kinder in der Pubertät und der ganz normale Wahnsinn in Kairo. Wer das meistert, den kann im Leben nichts mehr erschrecken. Ein paar seelische Verwerfungen kommen auch noch gelegentlich dazu, so als kleine Zugabe.

Wir tragen es mit Humor und bemühen uns, dass uns dieser nicht im Hals stecken bleibt.

Ich mußte vor drei Wochen wegen zwei akuten Entzündungen an den Frontzähnen oben die Sanierung meines Oberkiefers anpacken. Das heißt, alle Zähne raus bis auf die Eckzähne, vier Implantate rein und drei Brücken darüber. So viele Zähne waren es nicht mehr. Um genau zu sein Vier ;-) . Billiger als in Deutschland ist das in Kairo auch nicht, wenn man einen Zahnarzt auf deutschen Niveau konsultiert. Mit 10.000,- Euro sind wir dabei. Von den handwerklichen Fähigkeiten halte ich auch bei meinem Zahnarzt nicht viel und ich habe inzwischen schwere Bedenken wegen der Qualität der Arbeit. Ich erwarte gerade die Brücke für die Frontzähne. Inshallah, oder man wird sehen.

Die Vorbehandlung der Eckzähne und das Ziehen der vier Restzähne war jedenfalls eine Tortour, die ich niemandem wünsche. Jetzt "freue" ich mich auf die Implatate im Januar.

 

Natürlich kamen wir mit unseren Kindern nicht am Nikolaus vorbei. Nicht dass noch jemand von der Brut an die Geschichten glaubt, es geht nur um die Süßigkeiten. Zuerst scheiterten wir mit dem Schokoladennikolaus. In ganz Kairo war dieses Jahr keiner aufzutreiben. Der Einsatz der Eltern hielt sich, zugegebenermaßen in Grenzen. Am Vorabend erzündete sich die Diskussion an einem banalen Thema. Wir haben keine Stiefel in Kairo. In die Halbschuhe geht leider nur die Hälfte der Süßigkeiten rein. "Malesch", grinsen da die Eltern, oder auf bayrisch: bläd glaffa (blöd gelaufen).

(Malesch= Pech, oder dumm gelaufen. Verquickt mit der islamischen Gottergebenheit: Inshallah, es war Allah's Wille)

Was uns freundlicherweise erspart bleibt, ist der Weihnachtsrummel. Weihnachten existiert nicht im Islam und so sind für die Ägypter die Tage um die Weihnachtszeit und Neujahr ganz normale Arbeitstage.

 

Aus einem Brief an eine liebe Freundin Ende September zur Lage der Familie

Wir sind nun im zweiten Jahr. Die Abenteurergene dazu habe ich, denke ich. Petra ist dagegen eine der zuverlässigen Mitstreiterfrauen. Sie würden so was aus eigenem Antrieb nicht machen, sind aber als Partner felsenfest und verlässlich. Ich hätte mir das zweite Jahr nicht mehr angetan. Petra erachtet es aber für ihre berufliche Zukunft als wichtig. Für sensible, empfindsame Menschen ist die Stadt eine Qual. Dieser Moloch erfordert robuste, unempfindliche Charaktere. Also nichts für kleine Hasenherzen, wie mich. Die arabische Bevölkerung erlebe ich als egozentrisch und rücksichtslos. Da ist die Siebenundzwanzig- Millionen- Metropole gewiss ein Verstärker. Es gibt natürlich auch viele nette Begegnungen. Die finden aber nur sehr oberflächlich statt. Freundschaft und Rücksichtnahme ist außerhalb der Sippe unbekannt. Der infernalische Lärm, der Dreck, die Luftverschmutzung und die Unfreiheit der Mädels hätten das eine Jahr voll gereicht. Nun, die Würfel sind gefallen und wir werden das Jahr überleben. Hinzu kommt, dass ein deutsches Leistungspensum mit dem Lärm, Hitze, Stress und gegen den zeitlichen Rhythmus der Stadt derart viel Energie kostet, dass alle Lehrer am Ende des Schuljahres regelrecht ausgebrannt sind. Das ging uns Ende Juni 08 nicht anders. Ich könnte mir schon vorstellen, in der arabischen Kultur noch eine Weile zu leben, aber nicht in Kairo und nicht nach deutschen Regeln.

 

Petra geht es sehr gut an der Schule. In ihren Fachbereichen hat sie hauptsächlich nette Kollegen und einige erfahrene Lehrer, die ihr know how auch bereit sind, weiter zugeben. Geplant ist für 2010 das zweite Staatsexamen neben 50% Unterrichtszeit über einen Zeitraum von zwei Jahren zu machen. Die Verbeamtung klappt vielleicht auch noch. Inshallah.

 

Für die Kinder ist die erste Euphorie vorbei und sie nehmen durchaus die Vor- und Nachteile wahr. Die Noten waren gut bis blendend, da das Niveau der Schule die Kinder nicht wirklich fordert. Lernen tut zumindest keiner von meiner Brut. Die Horizonterweiterung, als Kind zwei Jahre in einer fremden Kultur gelebt zu haben ist noch nicht einschätzbar. Die Kinder integrieren sich leicht und haben auch arabische Freunde. Wir sind aber sicherlich nach diesen zwei Jahren alle nicht mehr die, die wir vorher waren.

 

Beruflich schlage ich mich an der Schule durch. Ein Computer und Internetkünstler bin ich nicht. Ich schwimme immer wieder mal und löse einige Probleme nur mit Mühe. Ohne mein ausgeprägtes Autodidaktentum würde ich scheitern. Das Wissen über Typo3 steigt aber täglich und vielleicht werde ich noch ganz passabel. Vor Typo3 fürchten sich selbst studierte Informatiker.l

 

Wir sind beliebt bei den arabischen Lehrkräften. Das liegt wahrscheinlich an unserer grundsätzlichen Auffassung von Respekt gegen über allen Menschen. Diese Haltung hat nicht jeder an der Schule. Mit der deutschen Community sind wir eher auf Distanz. Klüngeln ist nicht unser Ding. Wir haben dafür einige Freunde außerhalb der Schule.

 

Gesundheitlich geht es uns schlechter, als im ersten Jahr. Wir haben ständig Geschichten mit leichter Erkältung und kleinen Magen-Darm-Infektionen. Der Smog zehrt an den Lungen und ich hoffe, dass keine bleibenden Schäden bleiben. Insh-allah.

 

ps. Insh-allah ist eine ständige Floskel im Arabischen. Es wird benützt um die Unwägbarkeit der Zukunft zu unterstreichen und diese in Allahs Hände zu legen. Vor allem in Zusammenhang mit Terminen oder zukünftigen Ereignissen wird es benutzt. Gepaart mit der fatalistischen Grundeinstellung der Araber trifft es viele Bereiche des arabischen Lebens vortrefflich ohne Entsprechung im Deutschen.

 

Allah sei mir gnädig

 

ps. vielleicht hilft es ja. Ich habe, zugegebenermaßen, ein sagen wir mal lockeres Verhältnis zu Gott. Gott und Allah ist für mich dasselbe. Mit diesen Metaphern personifiziere ich meine Ehrfurcht vor dem Wunder des Lebens und des Universums, auch wenn ich nur einen verschwindenden Bruchteil davon begreife. Ich nehme Spiritualität wahr und Bereiche außerhalb unserer eingeschränkten, menschlichen Wahrnehmung.

Mit den abrahamitischen, monotheistischen Religionen, die reines Menschenwerk sind, habe ich nichts zu tun. Wenn ich nachts in der absoluten Stille, der Einsamkeit und der Weite in der Sahara auf einer Düne sitze und das ungeheure Sternenzelt sich über mir ausbreitet, werde ich sehr klein und erfürchtig vor den Wundern unseres Universums. Ich bin dann meiner Vorstellung von Göttlichkeit sehr nahe.

 

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