Weihnachten ist vorbei und das Jahr 2010 hat seine ersten sechs Wochen hinter sich. Das Klima war während der Festtage ungewöhnlich mild in Kairo. Bis zu 27°C stieg das Thermometer während des Tages. Dafür ist es jetzt lausig kalt. Heute Mittag hatte es 13°C. Für die von der Kälte leidgeprüften Landsmänner sei zum Trost erwähnt, dass wir nicht heizen können. Ich sitze gerade mit dickem Pullover und Schal bei 16°C am Rechner in unserem Wohnzimmer. Die drei Grad mehr kommen von unserem Flaschengas- Ofen, der sich redlich mit unserem 100m² Wohnzimmer müht, aber immer scheitern wird an dem Kaltlufteinbruch bei bis zu 3cm breiten Spalten an unseren Fenstern. Kurzum, es macht gerade keinen richtigen Spaß in der kalten Wohnung. Morgen soll es Warm werden. Inshallah.
Ägypten hat das Viertelfinale im Afrika- Cup gewonnen. Das konnte ich mit Bestimmtheit rückschließen durch den plötzlichen Lärm durch Gehupe und Feuerwerkskörper unten auf der Straße. War eine unruhige Nacht.
Ein trauriges Schauspiel lieferte die Nation bei der WM- Qualifikation gegen Algerien. Das waren kriegsähnliche Zustände in der Stadt, ohne dass die bereitstehende Polizei eingegriffen hätte.
Dafür war es ungewöhnlich ruhig in der Stadt, als Ägypten im Rückspiel verloren hatte. Das war eine erholsame Nacht.
Mit dem ruhigen Schlaf ist das so eine Sache hier in Kairo. Jetzt leben wir zwar schon im lärmberuhigten Botschaftsviertel in Maadi, das ist für mein Empfinden aber immer noch unerträglich laut. Einer der Hauptärgernisse ist die Angewohnheit der ägyptischen Autofahrer, an einer Kreuzung zu hupen, anstatt zu bremsen und zu schauen. Das macht der Ägypter auch nachts um drei ohne die geringsten Skrupel.
Ich war immer der Überzeugung, dass in einer Kultur, in der ein Hund ein unreines Tier ist, man von Gekläffe und Hundekot auf dem Grünstreifen verschont ist. Weit gefehlt. Durch die hohe Amerikanerdichte laufen erstaunlich viele Köter in der Gegend herum. Seit dem Jahreswechsel bewohnt ein Amerikaner die Wohnung im Nachbarhaus, uns gegenüber. Natürlich hat er wie alle Amerikaner hier einen Hund. Der Köter muss die ganze Nacht im Freien verbringen und kläfft die halbe Nacht. Bisher habe ich öfters mal ohne Erfolg ?Schnauze? aus dem Fenster gebrüllt. Gestern habe ich es mit "shut up" probiert. Da war er doch tatsächlich eine halbe Stunde ruhig. Fremdsprachen machen einfach das Leben leichter. ;-)
Man soll aber nicht undankbar sein, denn das Haus schräg gegenüber ist nun fertig gebaut und wir müssen nicht mehr die große Flex zum Marmorplattenschneiden ertragen, die von vier Uhr Nachmittags bis drei Uhr Nachts im Einsatz war. Scheinbar stört der Lärm aber nur uns Europäer.
Vor zwei Wochen hat es in Kairo das erste Mal seit unserem Aufenthalt hier nennenswert geregnet. Meine Kinder meinten, es schüttet. Da haben sie aber offensichtlich vergessen, was "Schütten" ist.
Es regnete jedenfalls in ausreichender Menge, um die Straßen zwei Tage lang nass zu halten. Ein Asphalt, der mit einer Patina von Russ, Reifenabrieb und Chemie- Niederschlag überzogen ist, verwandelt sich in Verbindung mit Nässe in reine Schmierseife. Das ist so rutschig, wie überfrierende Nässe in Deutschland. Entsprechend chaotisch war der Straßenverkehr in diesen zwei Tagen. Ich hätte vorher nicht geglaubt, dass das normale Chaos noch zu steigern ist. Die Mischung aus übervorsichtig fahrenden Hasenfüßen und den unbedarften Rasern führte zur Verdoppelung der Fahrzeit am Morgen und am Nachmittag. Zu meinem Erstaunen habe ich diese zwei Tage keinen Unfall gesehen.
Das änderte sich am darauf folgenden, trockenen Tag. Dieser Tag begann mit einem totgefahrenen Fußgänger auf der Nil- Corniche, den gerade ein Polizist mit Zeitung zudeckte und setzte sich fort mit zwei weiteren schweren Blechschäden. Ein Lernprozess ist dabei nicht zu beobachten. Während der Polizist die Leiche zudeckte liefen die Ägypter, telefonierend weiter wie die Hasen kreuz und quer durch den schnell fließenden Verkehr, nur einen schnellen Blick auf die Leiche werfend. Ein Gefahrenbewusstsein existiert nicht in diesem Land. Und wenn es schief geht, war es Allah?s Wille. Inshallah. Ich für meinen Teil entlaste Allah etwas bei seinem harten Job und passe lieber selber auf.
Im alten Jahr sind wir öfters Schulbus gefahren. Zweck dieser Übung war, dem Stress des Kairoer Stadtverkehrs etwas zu entfliehen. Das Experiment kann als gescheitert betrachtet werden. Der Stress des Autofahrens wurde ersetzt durch schreiende Kinder im Schulbus, vor Allem nachmittags bei der Heimfahrt. Die Busfahrer der DEO können wirklich Autofahren. Das ist keine Selbstverständlichkeit hier. Was sie nicht hindert, auch gut aggressiv zu fahren. Das macht als schlechter Beifahrer auch nicht richtig Spaß. Die DEO- Busfahrer müssen eine Ausbildung angelehnt am deutschen LKW- und Bus- Führerschein machen, bevor man sie in einen DEO- Bus lässt. Außerdem gibt es ein niedriges Grundgehalt, aber eine hohe Prämie bei Unfallfreiheit. Das trägt Früchte in Form von relativ sicherer Beförderung der Kinder und der Lehrer.
Die Murr?s fahren jedenfalls seit dem Jahreswechsel wieder lieber Unimog. Das ist in der Summe doch entspannter, als Kinderlärm im Bus. Obwohl ich doch nach jeder Heimfahrt erstaunt bin, dass es ohne "Feindberührung" ab ging im Getümmel. Da machen sich 25 Jahre Unimog- Erfahrung und 200.000km auf dem Selbigen schon bemerkbar.
Meine Tochter Rosi hat eine Schulfreundin, deutsche Mutter, orthodoxer Muslime der Vater. Als Schülerin der DEO genoss sie bisher die Freiheit, im "Schutzraum" DEO sich am anderen Geschlecht etwas auszuprobieren und Erfahrungen damit zu sammeln. Natürlich in engen Grenzen unter absoluter Wahrung der Jungfräulichkeit. Bis die Eltern mitbekamen, dass sie einen Freund an der Schule hat. Die Folge dieser absolut harmlosen Liebelei ist, dass sie die Schule nicht mehr besuchen darf. Schluss mit Bildung im sechzehnten Lebensjahr und ab jetzt Isolation im Haus bis zur Zwangsheirat. Die Schulpflicht endet in Ägypten mit Sechzehn. Die frauenverachtende Seite dieser Gesellschaft.
Gerade erzählt mir meine Tochter, dass sie eine letzte Chance von ihren Eltern bekommen hat und weiter die DEO besuchen darf. Hamdulillah. Allah ist barmherzig.
Meine Tochter Rosi versucht sich schon mal im Tragen des Kopftuchs.
Die Sanierung meines Oberkiefers ist zu Ende. Hamdulillah. Wer mal wissen will, was echte Schmerzen sind, dem empfehle ich diese Tortur. Die zahnärztliche Arbeit schaut für mich als Laie ganz gut aus. Preislich ist eine Zahnsanierung auf deutschem Niveau leider nicht billiger, als in Deutschland. Nun strahlt der Bub nach neunundfünfzig Jahren nun endlich mit geraden Zähnen. So richtig gewöhnt habe ich mich noch nicht an die neuen Beißer. Irgendwie fehlen mir meine schiefen Frontzähne.
Da muss ich doch frei nach Heinz Erhardt spotten:
Die alten Zähne wurden schlecht,
und man begann, sie auszureißen,
die neuen kamen gerade recht,
um damit ins Gras zu beißen. ;-)
Bei meinen zahlreichen Besuchen bei meinem Zahnarzt bewunderte ich vom ersten Tag an das Fahrrad des Boeb (Eine Art Hausmeister in unterprivilegierter Stellung) vor der Eingangstür. Der Drahtesel aus ägyptischer Produktion ist mit unglaublicher Liebe zum Detail mit barockem Polsterstoff umhüllt. Man beachte den Kindersitz. Ein TÜV- Zertifikat würde der wohl nicht bekommen.
Gestern erlebten wir über einen traurigen Unfall die Qualität dieser Fahrräder. Ein PKW hat einen Radfahrer auf die Hörner genommen. Der Radfahrer rollte sich über die Motorhaube ab und kam mit dem Schrecken davon. Die Haube bekam ein paar schwere Beulen und die Frontscheibe des PKW ging zu Bruch. Das Fahrrad zerbrach in zwei Teile. Das vordere Rahmenteil brach komplett ab. Eine Lötung an einem Qualitätsrahmen würde so was aushalten.
Am 2. Februar feierte die Familie Murr den siebzehnten Hochzeitstag. Da ich meine Frau heute mehr liebe, als zum Beginn unserer Ehe, wird das Ereignis der Eheschließung in alter Tradition mit einem Essen in der Lokalität unserer Wahl gebührend gefeiert. Das scheiterte diesmal an der fehlenden Energie der Eltern am Hochzeitstag. Wir waren am Abend einfach fix und fertig. Wir holten es am Wochenende nach und speisten beim Italiener "Max" wie immer vorzüglich zum reellen Preis. Gut Essen kostet auch in Kairo seinen Preis und der liegt geringfügig niedriger, als in München. Bei "Max" wechselten für fünf gefräßige Mäuler 600,- EP den Besitzer für gutes Essen plus eine Flasche Rotwein. Das sind etwa 75,- Euro.
Gestern reparierte ich meinen Blinkerhebel am Unimog. Der hat ein kleines Problem mit dem mechanischen Verschleiß, dass durch den Einsatz von Zweikomponentenkleber aus der Welt zu schaffen ist. Dazu verbrachte ich zwei Stunden am Unimog vor unserem Haus an der Kreuzung Street 82, Ecke Street 20. Das ist sehr nervig, aber auch sehr interessant für meine Studien zur arabischen Mentalität. Nervig ist es wegen dem ständigen Gehupe. Interessant ist es, wie sich die Teilnehmer im Straßenverkehr verhalten. Das fehlende Wissen über die grundsätzliche Regelung im Straßenverkehr: Recht vor Links, wird folgendermaßen umgangen: Man nähert sich der Kreuzung, hupt kräftig und fährt zügig, ohne nach Links oder Rechts zu schauen, über die Kreuzung. Wenn Allah es will, passiert nichts.
Schwieriger wird es beim Abbiegen. Das Fahren von Kurven ist nicht das Ding der Araber. Das Intuitive Erfassen der Wegstrecke der einzelnen Räder und das Einbeziehen von Fahrzeugüberhänge beim Einfahren in die Kurve klappt nicht zuverlässig. So beobachtete ich eine Araberin beim Abbiegen in unsere Straße von der 20zigsten in die 83zigste. Sie blieb dabei mit der Plastikstoßstange ihres "Reiskochers" (Limousinen von Hyundai, Toyota, Daewoo, etc.) an der Stoßstange eines parkenden, alten Landcruisers hängen. Die Stoßstange des Reiskochers löste sich rechts und schleifte mit erheblicher Geräuschentwicklung am Boden. Das nahm die arabische Dame nicht war und fuhr unbeeindruckt weiter. Am Speedbracker auf der Hauptstraße ums Eck verabschiedete sich die Stoßstange endgültig vom Reiskocher und blieb auf der Straße liegen. Die arabische Dame merkte auch das nicht und fuhr weiter. Der nachfolgende Verkehr umschiffte das Hindernis elegant, mit lautem Gehupe.
Heute Morgen lag die Stoßstange immer noch mittig auf der Fahrbahn der Hauptstraße. Ich umschiffte das Hindernis elegant. ;-) Ohne zu hupen. Es wird noch dauern, bis ich ein echter Ägypter werde.