Folgender Bericht über meine Eindrücke und Erfahrungen in Tunesien ist meine rein subjekive Wahrnehmung und ist ausschließlich für mich und meine Familie und meine Freunde von Gültigkeit.
Der Schatten des Terrorismus.
Auf diese Reise habe ich fünf Jahre hingearbeitet. Mit einer fünfköpfigen Familie keine Kleinigkeit. Und dann, vier Monate vor dem lange ersehnten Ziel: die Entführung der Sahara- Touristen. Die erste Reaktion war, wie bei den meisten Saharafahrern, abblasen, weil zu gefährlich. Dann neben der hochgradigen Frustration das Stornieren der Fähre nach Tunesien. Zwei Wochen später setzte sich dann der Verstand wieder gegen die Emotion durch. In zahlreichen Gesprächen mit kompetenten Menschen über das Risiko, in ein solches Land zu reisen, festigte sich die Einsicht, zu fahren und sich selbst ein Bild zu machen. Glücklicherweise bekamen wir noch einen Fährenplatz zwei Wochen vor dem Reisetermin. Die Angst, vor Allem wegen der Kinder, blieb. Letztendlich war es der Mut meiner Frau und eine spontane Entscheidung aus dem Bauch heraus, in letzter Minute, doch zufahren. Wir haben es nicht bereut.
Die Reiseroute:
Ursprünglich wollten wir im Norden bleiben und in ein paar interessanten Ecken querfeldein auf Entdeckung gehen. Das geht natürlich nur mit mindestens zwei Fahrzeugen. Das Fehlen jeglicher, anderer Touristen als Konvoi- Partner zwang uns dann leider, hauptsächlich auf Asphalt und Pisten zu bleiben.
Also entschied der Familienrat erstmal nach Djanet zu fahren. Da uns in Djanet niemand hinderte, wagten wir uns auf die alte Piste nach Tamanrasset. Von dort auf den Assekrem und auf der westlichen Piste wieder hinunter. für die Rückfahrt wählten wir die Piste über Amguid, da der Asphalt über In Salah in einem extrem schlechten Zustand ist. Eine Menge kleiner Abstecher war natürlich auch dabei.
Befindlichkeiten:
Da es keinerlei Informationen über die Situation in Algerien nach den Entführungen gab, passierten wir mit gemischten Gefühlen die Grenze nach Algerien und mit dem festen Vorsatz, sofort umzukehren, wenn wir uns nicht sicher fühlen. Vertraut habe ich auf den Umstand, dass nach zahlreichen Reisen in die Wüste und nach Schwarzafrika innerhalb von 25 Jahren sich bei mir ein ganz gutes Gespür entwickelt hat, was geht und was nicht geht.
Der Empfang an der Grenze war dann so herzlich, das unsere Vorbehalte erstmal dahin schmolzen. Das setzte sich im ganzen Land fort. Wir fühlten und zu jeder Zeit willkommen im Land. Die zahlreichen Kontrollen, vor Allem um Hassi Messaoud waren immer sehr entspannt und alle Polizisten und Militärs begegneten uns freundlich bis besorgt um unsere Sicherheit. Es kümmerten sich allerdings die Wenigsten darum, wohin wir fahren wollen. Erstaunt, dass die einzigen Touristen im Land ausgerechnet Deutsche sind, waren dann doch die meisten Algerier. Natürlich öffnete uns auch der Umstand, dass wir mit unseren Kindern reisen, so manche Tür in einem kinderfreundlichen Land. Also von Feindseligkeit in der Bevölkerung keine Spur. In Tam bin ich mit meiner Familie am Freitag Nachmittag zu Fuß in eine Masse Algerier geraten, die gerade die Moschee nach dem Freitagsgebet verließen. Auch da habe ich keinerlei negative Anzeichen oder feindliche Stimmung wahrgenommen, ob wohl ich bei Menschenansammlungen eher klaustrophobisch reagiere und deshalb da sehr sensibel bin. Ich empfand die Leute ingesamt freunlicher, als bei meiner letzten Reise nach DZ. Vor allem bei Polizei und Gendarmerie ist freundlichkeit eingekehrt. Der einzige Ort, an den ich mich unwohl fühlte, war El Qued. Diese Oase hat, nach meinem Empfinden, inzwischen eine schlechte Ausstrahlung.
Das alles darf nicht darüber hinweg täuschen, das die Gefahr, Opfer einer Gewalttat zu werden, immer latent besteht.
Von Tunesien kommend, wo nach meinem Empfinden viele laute, aufdringliche, unfreundliche Menschen leben, ist Algerien für mich immer ein Wechsel zu ruhigen, zurückhaltenden und angenehmen Zeitgenossen. Zudem ist mein Humor ähnlich dem der Algerier, was zusätzlich viel Spass bringt im Umgang mit einander. In Tunesien habe ich öfters belästigende bis feindselige Erlebnisse gehabt. In Nabeul, in Tunesien, kam ich zwangsweise in den Genuss der Predikt zum Freitagsgebet, da es in der ganzen Stadt per Lautsprecher übertragen wurde. Ich habe natürlich nichts verstanden, aber der agressive und einhämmernde Tonfall war nicht zu überhören. Ich persönlich würde in nächster Zeit eher in Tunesien mit Übergriffen rechnen. Ist nur so ein ungutes Gefühl im Land.
Ein nettes Erlebnis waren die Kondolenzbücher in der Eremitage De Foucault. Nach etwas Suche konnte ich meiner Familie meinen ersten Eintrag in die Bücher anno 1979 zeigen.
Alles in allem war es durch die Regenfälle meine heftigste Offroad- Reise in Algerien. Eigentlich wollte ich es gemütlich angehen.
Das Böse ist immer und überall:
Zusammenfassend fühlte ich mich nicht unsicherer, als bei früheren Reisen. Allerdings ist mir seit meiner ersten Saharareise klar, dass die Wüste nicht kontrollierbar ist und deshalb weitgehend ein rechtsfreier Raum ist. Deshalb bewege ich mich schon immer mit einer der Einsicht entsprechenden Vorsicht und einem gesunden Misstrauen, vor allem gegen Behörden und Militärs. Natürlich ist mir klar, dass das nicht hundertprozentig vor verbrecherischen Menschen schützt. Das gilt allerdings auch weltweit. Ich denke, je weniger wissen, wo ich mich im Land bewege, desto sicherer das Fahren abseits der Pisten. Das erhöht die Wahrscheinlichkeit, unbehelligt zu reisen. Eine sorgsame und achtsame Nachtplatzsuche minimiert ebenfalls das Risiko unliebsamer Besuche in der Nacht.
Wenn man, wie wir eher leidenschaftliche Stöberer in den unbekannten Ecken der Sahara ist, ist man vor organisierter Gewalt nach meiner Einschätzung weitgehend sicher. Das macht auch sehr viel Spass und man entdeckt viel Ungewöhnliches. Das einzige Problem sind Schmuggler und Einheimische, denen man auf abgelegenen Pfaden öfters mal begegnet und deren Motiv, einsame Pfade zu benutzen, ich nicht kenne. Diese erlebte ich aber bisher als ungefährlich bis freundlich, wenn man von ihnen zweifelsfrei schon von Weitem als Touristenfahrzeug identifiziert wird. Vorsichtige Annäherung und Klarheit im Verhalten sind hier dringend von Nöten, sonst kann es zu bösen Missverständnissen kommen. Die Schmuggler sind nervös und gut bewaffnet. In wie weit die Schmuggler mit Militär und Polizei kooperieren, entzieht sich meiner Kenntnis. Ich glaube allerdings, dass sie sich ohne, zumindest einer Duldung des Militärs, nicht so frei bewegen könnten, wie sie es tun. Mobile Streifen oder andere Fahrzeuge von Militär oder Polizei haben wir nicht getroffen. Das Militär hätte nach meiner Beobachtung ausreichend Soldaten, Fahrzeuge und Helikopter im Süden, um die Region über die zahlreichen, strategisch wichtigen Orte, wirksam abzuriegeln. Auch die Behörden wissen, wo der illegale Verkehr sich abspielt. Als neue Gefahr kommt nach den jüngsten Ereignissen im Frühjahr 2003 die Gefahr von terroristischen Gewaltakten dazu. Ob Entführung oder Raub oder anderer Natur, wir werden mit derartigen Gefahren in der nächsten Zukunft leben müssen.
Jede Menge Diskussionsstoff ergibt sich daraus, wie solche Bedrohungen jeder Reisende minimieren kann. Mit Vollkasko- Mentalität, wie sie sich bei vielen Afrikafahrern in den letzten Jahren eingeschlichen hat, wird es nicht funktionieren.
Meine Erlebnisse im Sahara- Forum (ist inzwischen Geschichte, da es das Forum nicht mehr gibt 3.12.05)
Als wir verunsichert, ob wir nach Algerien fahren sollen, uns im Sahara- Forum angemeldet haben, in der Hoffnung, an etwas mehr Information zu kommen, passierte für mich etwas sehr Überraschendes. Eine Reihe von Forumsmitgliedern ist in nicht zu überbietender, verbaler Härte über mich hergefallen. Stein des Anstosses war der Umstand, dass ich mit meiner ganzen Familie nach Algerien fahren will. Als ich mich wieder im Forum als wohlbehalten heimgekehrt zurückmeldete, fielen meine Kritiker noch mal heftiger über mich her.
Ich habe darüber lange nachgedacht und bin zu folgender Erklärung der Erlebnisse im Forum gekommen:
Die Mehrheit der Saharafahrer der jetzigen Generation ist in wohlbehüteten Verhältnissen in Westeuropa aufgewachsen, in der Gewissheit, dass bei allen erdenklichen Schwierigkeiten der Staat, oder eine Versicherung und nicht zuletzt das Elternhaus stets zur Stelle ist und die Unbill aus dem Weg räumt. Mit der selben Blauäugigkeit wurde in die Sahara gefahren. Den Meisten ist nicht einmal bewusst gewesen, das lebensfeindliches Terrain betreten wird, wo der Leichtsinnige ein paar Fehler nur einmal macht.
Die vereinzelten Raubüberfälle wurden, auch mangels Medieninteresse, ignoriert. Kurzum, Mann und Frau fuhren, zum Teil mit unglaublichem Leichtsinn kreuz und quer durch die Wüste. Ich habe mit Saharafahrern gesprochen, die nicht die geringste Ahnung über ihr Fahrzeug hatten und sich voll auf das funktionieren des Selben verlassen haben.
Nun passiert im Frühjahr 2003 das Unfassbare, Touristen werden entführt. Nach einer kleinen Zeitverzögerung entdeckt auch die Medienwelt das Potential der Vorgänge und eine beispiellose Panik bricht unter den, noch im Lande befindlichen Touristen aus. Einer der sich selbst inszenierenden Sahara- Gurus setzt dem Ganzen noch die Krone auf mit der Aufforderung: ?alle raus hier? . Und dann sitzen alle vor dem heimischen Internet- Rechner und beweinen im Kollektiv in den diversen Foren die schlechte Welt, die es ihnen unmöglich macht, in das geliebte Algerien zu reisen.
Nun passiert das Verwerfliche. Einer dieser alten Sahara- Hasen fährt einfach, alle Warnungen in den Wind schlagend und auch noch mit seinen Kindern, in die Höhle des terroristischen Löwen. Und kommt auch noch nach 5 Wochen völlig wohlbehalten zurück und kann von keinerlei Schwierigkeiten berichten.
Was hat er getan. Er ist ein Verräter. Ein Verräter an dem mühselig gezimmerten Legimitations- Konstrukt, warum Algerien zur Zeit nicht bereist werden kann. Er hat alle diese Pharisäer ob ihrer hasenherzigen Sicherheitsangst vorgeführt. Es ist in unserer Gesellschaft offensichtlich jegliche Bereitschaft verloren gegangen, für seine Ideale, Visionen und Träume, auch Risiken einzugehen. Nun, wer vorführt und durch sein Handeln provoziert, muss bekämft werden, denn er zeigt die unbequeme Wahrheit auf.
Bei aller Schrecklichkeit einer solchen Erfahrung für die betroffenen Geiseln, sehe ich doch eine heilsame Reinigung des Touristenstromes und es werden in naher Zukunft nur die fahren, die ein Minimum des Entdeckergeistes früherer Generationen bewahren konnten.